Der un-duzbare
Hermann Mann trug eine unsichtbare Rüstung aus gestärktem Leinen. Es lag nicht an seiner Kleidung, denn er trug ganz gewöhnliche Jeans, und es lag auch nicht an seiner Miene, die von Natur aus sanftmütig war. Es lag an einer seltsamen, unbezwingbaren Aura: Hermann Mann war schlichtweg un-duzbar.
Selbst wildfremde Teenager auf Skateboards stoppten vor ihm, nahmen die Kopfhörer ab und fragten: „Entschuldigen Sie bitte, Herr Mann, wissen Sie, wie spät es ist?“ Wenn Kollegen nach drei Bier in der Kneipe die Runde duzten, blieb ihr Blick an ihm hängen, ihre Zunge stolperte, und ein verlegenes „Möchten Sie auch noch eins, Herr Mann?“ glitt über ihre Lippen.
Dieser grammatikalische Sicherheitsabstand fraß ihn innerlich auf. Das Wort „Sie“ fühlte sich für Hermann an wie eine dicke Glasscheibe. Dahinter lachten die Menschen, klopften sich auf die Schultern, wurden beste Freunde und teilten ihr Leben. Auf seiner Seite herrschte nur höfliche Kälte. Hermann glaubte fest daran, dass man mit einem „Sie“ niemals wirklich ankommen konnte – niemals ein Geheimnis um zwei Uhr nachts teilte oder einfach zusammen schwieg.
An einem regnerischen Dienstagnachmittag schlurfte Hermann mit hängenden Schultern durch die Fußgängerzone. Die Nässe spiegelte die Straßenlaternen, die Luft roch nach feuchtem Asphalt und Herbst.
Plötzlich durchbrach ein greller Schrei die Stille.
Nur wenige Meter vor ihm trat ein junger Mann mit bunt gestrickter Mütze schwungvoll auf etwas Gelbes, Matschiges – eine tückisch platzierte Bananenschale. Seine Beine wirbelten mit slapstickhafter Wucht durch die Luft, Einkaufstaschen flogen im hohen Bogen davon, und der Mann schlug mit einem dumpfen, schmerzhaften Krachen auf das nasse Pflaster.
Hermann zögerte keine Sekunde. Der Instinkt übernahm. Er rannte los, warf seine eigene Tasche ins Gebüsch und kniete sich direkt in den nasskalten Schlamm neben den Gestürzten.
„Ruhig bleiben! Bewegen Sie… nein, bleib liegen!“, rief Hermann. Der Mann stöhnte leise, die Augen fest zusammengekniffen, die Hand an die Hüfte gepresst.
„Alles gut, ich halte dich fest“, sagte Hermann mit fester, warmer Stimme. Er schob vorsichtig seine Jacke unter den Kopf des Gestürzten, stützte dessen Nacken und redete beruhigend auf ihn ein, während er mit zitternden Fingern nach Puls und Schwellungen tastete. Für ein paar Minuten gab es keine Förmlichkeiten, keinen Respektabstand, nur das Pochen zweier Herzen im kalten Regen.
Langsam schlug der Verunglückte die Augen auf, blinzelte durch die Tropfen und sah Hermann direkt ins Gesicht. Der Schreck wich einem schiefen, gequälten Grinsen.
„Verdammt… wie in einem schlechten Comic“, keuchte der Mann und hustete kurz auf. Dann griff er nach Hermanns Hand, drückte sie fest und sagte leise: „Danke, Mann. Ohne Witz… danke, dass du da warst. Ich bin Leo.“
Hermann spürte, wie ihm ein Kloß im Hals aufstieg. Es war kein zögerliches Stolpern, kein ehrfürchtiges Zurückweichen. Ein einfaches, ehrliches Wort.
„Ich bin Hermann“, brachte er hervor, und zum ersten Mal klang sein eigener Name für ihn nicht wie eine behördliche Anrede, sondern wie ein Zuhause.
Als der Krankenwagen kurz darauf mit blauem Flackern eintraf und Leo auf die Trage gehoben wurde, winkte dieser Hermann zu: „Morgen Kaffee, Hermann? Auf meine Rechnung!“
Hermann stand im Regen, die Hosenbeine nass, das Herz leicht wie seit Jahren nicht mehr. Die Glasscheibe war zersprungen.
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